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Craft Beer – wenn Hopfen nach Blaubeere schmeckt

Craft Beer – wenn Hopfen nach Blaubeere schmeckt
Copyright Alice Gundlach

Der Boom der Kleinbrauereien ist im Rhein-Main-Gebiet angekommen. Das Craft Beer Zentrum in Mainz vertreibt handwerklich hergestellte Biere aus Deutschland, der Region und dem Ausland, dazu bietet es Tastings und Brau-Seminare an.

Über den Geschmack von Bier habe ich mich ja vorher noch nie unterhalten.“ Diesen Satz hat Andreas Fitza bei Bier-Tastings schon oft gehört. „Ist ja auch kein Wunder“, kommentiert er. „Worüber soll man denn schon sprechen, wenn das, was man trinkt, immer gleich schmeckt?

Der 34-jährige Nebenerwerbs-Brauer begründete Ende 2013 das Craft Beer Zentrum Rhein-Main in Mainz mit. Seine Mission: Gerstensaft-Fans die Vielfalt von handwerklichem Bier präsentieren. Seine Warnung: „Craft Beer ist eine Einbahnstraße. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, kann nicht mehr zurück zu Massenprodukten.

Die Vielfalt fängt schon beim Hopfen an. „Die meisten wissen gar nicht, dass es überhaupt verschiedene Hopfenarten gibt“, hat Andreas Fitza beobachtet. Und schon gar nicht, welche Aromen diese Sorten haben können.

Während die meisten industriell gefertigten Biere Hopfen nur als Bitterstoff-Lieferanten kurz zu sehen bekommen, lassen die Mikrobrauer ihre Biere meist auf dem Hopfen reifen, damit die Hopfenöle das Bier durchdringen können. Dabei entfalten sich mal Aromen von Blaubeere, mal von Melisse und Zitrusfrüchten, mal von waldigen Kräutern.

India Pale Ale ist älter als Pils

Der Gründer des Craft Beer Zentrums Rhein-Main Andreas Fitza (links) und sein Bruder Markus
Der Gründer des Craft Beer Zentrums Rhein-Main Andreas Fitza (links) und sein Bruder Markus

Der aktuelle Trend-Stil ist India Pale Ale, kurz IPA, berichtet Jörn Stoll, Geschäftsführer des Craft Beer Zentrums. Dieser Stil zeichnet sich besonders durch einen sehr hopfigen Geschmack aus. Doch der ist nicht Jedermanns Sache – und vor allem nicht unbedingt für die Craft Beer-Einsteiger geeignet.

Ich musste mich da auch erst reintrinken“, gibt Jörn Stoll zu. Allerdings sei er alles andere als eine neumodische Erfindung, betont Andreas Fitza: „Indian Pale Ale ist ein viel älterer Braustil als zum Beispiel Pils.“ Im 19. Jahrhundert wurde die Bierart erstmals in England und Schottland für die britischen Kronkolonien gebraut.

Als Einstieg empfiehlt Andreas Fitza malzig-süße Sorten wie Stout oder Amber Ale. „Bei Tastings haben wir manchmal junge Frauen zu Gast – meistens begleiten sie ihren Freund – die sagen: Eigentlich trinke ich ja gar kein Bier, höchstens mal ein Radler. Gerade sie sind begeistert von den fruchtigen Sorten und auch davon, wie viele verschiedene Geschmacksrichtungen es gibt.

So sei auch er selbst auf den Geschmack gekommen: Sein Bruder Markus, der als Wirtschaftsprofessor in Texas lehrt, nahm ihn bei Besuchen mit zu den lokalen Kleinbrauereien. Von dem, was sie dort probierten, waren die Brüder so begeistert, dass sie beschlossen, sich selbst auch als Bierbrauer zu versuchen.

Reizthema Reinheitsgebot

Ein Thema, das Mikrobrauer immer wieder umtreibt, ist das Reinheitsgebot. Zwar ist die Verordnung von 1516 heute für die Brauereien nicht mehr bindend – dafür gilt sie vielen Bierfans aber weiterhin als zwingendes Qualitätsmerkmal. Das sehen die Craft Beer-Hersteller naturgemäß anders.

Grosse Vielfalt bei der Bierprobe mit Jörn Stoll
Grosse Vielfalt bei der Bierprobe mit Jörn Stoll

Zu fordern, dass nur nach dem Reinheitsgebot gebraut werden sollte, ist Scheuklappen-Denken“, meint Jörn Stoll. Zwar ist auch er der Meinung: „Innerhalb der Grenzen, die das Gebot setzt, kann man sich auch schon gut austoben.

Es müsse ja schließlich auch nicht immer ein weitgereister Trendstil in die Flasche kommen. „Gegen ein handwerklich gut gemachtes Pils ist absolut nichts einzuwenden.“ Allerdings könne es auch gute Gründe geben, sich außerhalb dieser Grenzen zu bewegen.

Das Reinheitsgebot wurde ja einmal eingeführt, damit Brauer und Bäcker sich bei den Getreidesorten nicht ins Gehege kommen“, erklärt Andreas Fitza. Es sollte aber auch die allgemeine Bier-Qualität verbessern und sicherstellen, dass keine zusätzlich berauschenden Zutaten wie Bilsenkraut, Sumpfporst oder Tollkirsche beigemischt werden.

Wenn ein Brauer heute aber etwa ein Bier nach dem Vorbild des amerikanischen Light Beers herstellen will, kommt da eben zu 49 Prozent Reis hinein. Oder Fruchtbiere nach belgischer Art werden auf Basis von Fruchtmaische hergestellt.Ausnahmen aber, die allein darauf abzielen, an den Herstellungskosten zu sparen, seien natürlich nicht im Sinne des Craft Beers.

Worum es den Mikrobrauern heute geht, ist das Entdecken. „Zum Brauen treffe ich mich mit drei oder vier anderen, und dann probieren wir aus“, erklärt Andreas Fitza. Die Treffen finden in einer Experimentier- und Show-Brauküche an der „Bierbotschaft“ statt, dem Biergarten des Craft Beer Zentrums am Mainzer Zollhafen. Die Biere, die in den Verkauf gehen, werden aber bei bereits bestehenden, kleineren Brauereien hergestellt: „Wir liefern die Ideen, und der Profibrauer setzt sie dann um.

Verkostung

  • „Fitza Bräu No. 3“, Pale Ale. Die Hopfenart „Green Bullit“ aus Neuseeland verleiht dem Bier Nadelwald-Aromen, ausgeprägter Malzkörper, 5 Vol. % Alkohol. Hersteller: Fitza Bräu, Mainz. (Ladenpreis: ca. 2,50 Euro/0,33 l)
  • „Epi Lager“, Lager. Ein „Sommerbier“, gebraut mit der Trend-Hopfenart „Mandarina Bavaria“, die für einen fruchtig-süßen Duft und Geschmack sorgt, leicht und süffig, 5 Vol. % Alkohol. Hersteller: Craft Beer Zentrum Rhein-Main, Mainz. (Ladenpreis: ca. 1,50 Euro/0,5 l)
  • „Bayerisch Nizza“, Weizen Pale Ale. Mit weniger Kohlensäure als klassisches Weizenbier, damit es auch aus der Flasche trinkbar ist. Aus Hopfensorten mit kräuterigen Aromen, z.B. Thymian, im Abgang kommt der bananige Weizenbier-Geschmack zur Geltung, 5,3 Vol. % Alkohol. Hersteller: Hans Müller, Aschaffenburg. (Ladenpreis: ca. 2,50 Euro/0,33 l)
  • „Sierra Nevada Torpedo Extra IPA“, India Pale Ale. Das Starkbier heißt nach den Torpedo-förmigen Behältern, durch die es während der Reifung gepumpt wird, um ein stärkeres Hopfenaroma zu erhalten. Schwer, intensiv, harzige Pinien-Aromen. 7,2 Vol. %. Hersteller: Sierra Nevada Brewing Co., Chico/Kalifornien. (Ladenpreis: ca. 3 Euro/350 ml)
  • „Rotfux“, Frauenauer Pale Ale. Süffig-leicht, Aromen von Melisse und Zitrus. Für sie sorgt der „Cascade-Hopfen“, der oft in amerikanische Pale Ales kommt, 5,7 Vol. % Alkohol. Hersteller: Frauenauer Turbinenbräu e. K., Ingelheim. (Ladenpreis: 1,50 Euro/0,33 l)

Bezugsquellen und Anfragen für individuelle Bier-Tastings unter www.craftbeer-zentrum.de

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